Die Reise nach Prag

denn nachts reiste man nach prag, wenn das licht unsicher, die welt unsichtbar ist. im zwielichtigen, zweifelhaft.
wie meine freundin Inge im januar, zugrund gegangen, bis dahin, wo die häuser grün sind und die brücken heil.

dann nur war das land der neuen hoffnung zu erreichen, auf einer winterreise mit verwüsteten herzen heraus aus der schallmauer ins grenzland, an das man selber grenzt, einjeder.

zeit

lang ist die zeit

prag also, das man gar nicht erreichen kann, da es ja ins wasser reicht, also in die dichtung. kunst zuletzt, die das leben rettet aus der erkenntnis der komödie, die welt ist. und also ans meer begnadigt wird, an das leben zurück. das meer das imgrunde die grenzen aufhebt, die wörter.

denn prag, das gibt es ja gar nicht, sowenig wie worte und bilder, diese orte, die man in seinem herzen durchreist und gewiss ist. denn erst strittig geworden erlangt man die gabe, sich selbst bild zu sein. wie alle (…)

Also: Böhmen liegt am Meer

Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.
Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.
Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.

Bin ich’s nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.

Grenz hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen.
Liegt Böhmen am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.

Bin ich’s, so ist’s ein jeder, der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.

Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.

Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe
unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch ein, Illyrer, Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen.

Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
dich hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.

Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,

ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.

Ingeborg Bachmann, 1964

Share This: